
Eingebettet in die ruhige Atmosphäre des Dojos, der Trainingshalle, im Rottweiler Neckartal waren alle anwesenden Kyudoka des Budo Zentrum Rottweil damit beschäftigt, das Shajo, den Schießplatz, für diesen Trainingsabend herzurichten. Die Mato, die sechsunddreißig Zentimeter großen Zielscheiben wurden in achtundzwanzig Metern Entfernung in die Sandaufschüttung gesteckt. Pfeil- und Bogenständer an ihre Plätze gestellt und der Parkettboden feucht gewischt. Jeder Bogenschütze spannte seinen über zwei Meter langen Bogen auf, steckte einen Satz aus vier Pfeilen in den Pfeilständer und legte seinen Schießhandschuh bereit, bevor zwei Töne, geschlagen mit zwei Holzklötzen den Kyudoka signalisierten sich zur Begrüßung zu versammeln. Traditionell stehen sich hier Schüler und Lehrer gegenüber und mit einem „Rei“ des ranghöchsten Schülers verneigen sich Lehrer und Schüler voreinander.
Dieser Abend war nicht einfach nur ein Trainingsabend wie viele andere auch, nein, an diesem Abend waren zwei Kyu-Prüfungen angesetzt. Wie in zahlreichen anderen Budo-Disziplinen graduiert das japanische Bogenschießen die Schützen seit den 1880er Jahren in Kyu-Grade, also Schülergrade und in Dan-Grade, die Meistergrade. Die Prüfungen, die hierzu zu absolvieren sind, zeigen den Kyudo-Praktizierenden ihren ganz persönlichen aktuellen Stand im Fortschreiten ihrer Übepraxis.
Claudia Kienzle und Bastian Grescheck stellten sich an diesem Abend ihren Kyu-Prüfungen.Die Prüfungen zum 4. und zum 5. Kyu werden vor dem Makiwara abgelegt. Als Makiwara bezeichnet man im Japanischen Bogenschießen eine Reisstrohwalze auf einem Holzgestell mit zirka 40 cm Durchmesser. Auf kurze Distanz von drei Metern dient sie ausschließlich dem Techniktraining. Die Kyudoka nutzen sie, um frei von Gedanken an eine weit entfernte Zielscheibe ihre Feinmotorik in der Handhabung des Bogens zu verbessern.
In den von den beiden Kyudoka abgelegten Prüfungen ging es darum zu zeigen, welche Fortschritte hierbei in den vergangenen Monaten gemacht wurden. Da in Rottweil die Lehrrichtung der Heki Ryu Insai Ha unterrichtet wird, war für diese Prüfung nicht nur das Schießen in der von dieser Schule vorgegebenen Form, sondern auch die Bewegungsformen, das sogenannte Heki Taihai, vor und nach dem Schuss ein Kriterium für die Prüfung.
Alle anderen Bogenschützen hatten sich seitlich neben dem Makiwara versammelt, um bei der Prüfung zuzuschauen. Vor ihnen stand Marion Moritz, die als Prüferin des Deutschen Kyudo Bundes die Schüsse der beiden Probanden beurteilte. Ruhe kehrte ein im Dojo. Alle, Zuschauer, Prüferin und Prüflinge waren aufmerksam und konzentriert.
Ein klein wenig war bei beiden die Aufregung spürbar, aber sobald sie an die Honza, die Vorbereitungslinie traten und sich sammelten, spürte man wie sie ruhiger wurden. Es ging alles seinen Gang. Alle Bewegungen, die für das korrekte Schießen mit diesen über 2 Meter langen asymmetrischen Bögen nötig sind, wurden von beiden korrekt und im Sinne der Prüfungsanforderungen erfüllt. Beide zeigten an diesem Abend hevorragende Leistungen. Solch bestandene Prüfungen sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg des Bogens. Jetzt kann das Training für Kienzle und Grescheck und die anderen Kyudoka vom Budo Zentrum Rottweil e.V. weitergehen. Wer sich selbst ein Bild über das Japanische Bogenschießen machen möchte, kann die Rottweiler Kyudoka gerne dienstags und donnerstags ab zwanzig Uhr im Dojo im Neckartal 58 besuchen.

Wer die Rottweiler Kyudoka an ihren Übungsabenden dienstags und donnerstags im Dojo im Rottweiler Neckartal beobachtet, kann sich kaum vorstellen, dass es bei diesen ruhigen, meditativen Bewegungen auch verschiedene Formen des Wettkampfs gibt. Den größten Teil des Jahres feilen die Bogenschützen an der Harmonie und an den Details der einzelnen Hassetsu, den Teilaspekten des Bewegungsablaufs. In Rottweil wurde schon immer der Aspekt des Wettkampfs im Kyudo gepflegt. Zwei der Kyudoka des Budo Zentrum Rottweil e.V. haben sich in diesen Disziplinen in jüngster Vergangenheit besonders hervorgetan: Bernhard Weller als amtierender Baden-Württembergischer Meister und zweitplatzierter im Mannschaftsteam bei den Deutschen Meisterschaften im vergangenen Jahr und Viacheslav Pypenko, der im selben Jahr den 4. Platz bei den Deutschen Kyu-Meisterschaften errang. Weller war bei diesen Wettkämpfen den Trainern des Deutschen Nationalkaders bereits ins Auge gestochen. Auf den Wettkampfhunger von Pypenko wurden die Trainer des Deutschen Kyudo Bundes durch Initiative von Marion Moritz, der Trainerin in Rottweil aufmerksam. Was folgte war die Einladung als Mitglied des Nationalkaders zukünftig für Deutschland bei internationalen Wettkämpfen an den Start zu gehen.

Die vergangenen zwei Jahre waren für die Kyudoka, die Japanischen Bogenschützen des Budo Zentrum Rottweil eine schwierige Zeit. Das Training musste zeitweise eingestellt werden, weil das Dojo, die Trainingshalle im Rottweiler Neckartal pandemiebedingt geschlossen war.
